Wir haben gefragt und Ihr habt geantwortet!

15.05.2024

Die wichtigsten Erkenntnisse aus unserer großen Arbeitszeitbefragung für den öffentlichen Dienst:

  • Ihr seid in hohem Maß belastet
  • Ihr seid sehr engagiert und übernehmt Verantwortung für Eure Arbeit
  • Freie Stellen erhöhen den Druck - Ein Teufelskreis

Was es braucht es?

  • Entlastung
  • Prävention
  • Attraktivere Arbeitsplätze, um Zukunft des öD zu sichern

Rund 258.000 Beschäftigte im öffentlichen Dienst, Tarifbeschäftigte und Beamt*innen, tätig sowohl für Bund und Kommunen als auch für die Länder, aus allen Bereichen des öffentlichen Dienstes, haben uns vom 5. Februar 2024 bis zum 12. April 2024 im Durchschnitt 18 Minuten ihrer Zeit geschenkt und Auskunft gegeben über ihre Arbeitszeit. Damit dürften wir einen der größten Datenschätze überhaupt haben, der eine wesentliche Grundlage für die nächsten Tarifauseinandersetzungen im öffentlichen Dienst ist, aber auch den Interessenvertretungen in Betrieben und Dienststellen wertvolle Hinweise für ihre Arbeit gibt.

Ein herzlicher Dank für diese breite Beteiligung!

Wir ziehen jetzt erste Erkenntnisse und Schlussfolgerungen aus dieser Befragung, parallel werden noch vertiefende Interviews geführt und Auswertungen bezogen auf einzelne Berufsgruppen durchgeführt.

Hier fassen wir die zentralen ersten Erkenntnisse zusammen:

59,3 Prozent der Umfrageteilnehmenden sind weiblich, das entspricht dem Frauenanteil im Öffentlichen Dienst. 48,5 Prozent der Befragten sind zwischen 25 und 44 Jahren alt und 46,6 Prozent sind zwischen 45 und 64 Jahren alt. 86,5 Prozent sind Tarifbeschäftigte, 95,4 Prozent haben mindestens eine abgeschlossene Berufsausbildung bzw. Bachelor/Fachhochschulabschluss oder Master/wissenschaftlicher Hochschulabschluss.

Über die Hälfte arbeitet zwischen 3 und 20 Jahren im Öffentlichen Dienst, 28,6 Prozent sogar länger als 20 Jahre. Von Bund, Ländern und Gemeinden kommen ca. 60 Prozent der Teilnehmenden, 10,4 Prozent arbeiten in Kommunalen Unternehmen, 6,8 Prozent für Kliniken, und die übrigen verteilen sich auf die Bundesagentur für Arbeit, die Deutschen Rentenversicherung sowie freie Träger der Wohlfahrtspflege inkl. Kirchen, die den TVöD anwenden.

46,2 Prozent der Befragten sind ver.di-Mitglied.

Was sagen uns die Antworten?

Eure Arbeit ist sehr belastend. Die Belastung ist besonders groß, wenn in Wechselschicht oder Schicht gearbeitet wird und/oder zu Zeiten, in denen üblicherweise nicht gearbeitet wird, abends und nachts, am Wochenende und an Feiertagen oder Bereitschaftsdienste, Rufbereitschaft, geteilte Dienste jemanden in andauernde Alarmbereitschaft versetzt.

47 Prozent der Befragten geben an, dass sie Überstunden gar nicht oder nur selten ausgleichen können. Überdurchschnittlich häufig wird dies angegeben von

  • Fahrer*innen in Nahverkehrsunternehmen (80 Prozent)
  • Musikschullehrer*innen (79 Prozent)
  • Pflegekräfte in Krankenhäusern und Kliniken (68 Prozent)
  • Fachkräften in den Kitas (60 Prozent)

Eure hohe Arbeitsmotivation führt auch dazu, dass rund 42 Prozent sehr häufig oder oft auf Pausen verzichten, um das Arbeitspensum zu schaffen.

Dies ist überdurchschnittlich häufig der Fall bei

  • Pflegekräften in Krankenhäusern und Kliniken (67 Prozent)
  • Beschäftigten in Sozialer Arbeit (ohne Kita) (59 Prozent)
  • Musikschullehrer*innen (57 Prozent)

Allein diese Erkenntnisse machen gesundheitliche Risiken und Gefährdungen und den großen und dringenden Bedarf an Entlastung deutlich!

Auf die Frage nach Auswirkungen der Arbeitsbelastung auf die Gesundheit haben 66,9 Prozent der Befragten ausgesagt, dass sie sich sehr häufig bis oft in den letzten 6 Monaten nach der Arbeit leer und ausgebrannt gefühlt haben.

65,6 Prozent können sich in der arbeitsfreien Zeit nicht mehr richtig erholen

Fast 40 Prozent der Beschäftigten arbeitet allein aufgrund der (zu) hohen Belastungen nur in Teilzeit.

Es ist auch alarmierend, dass deutlich mehr als die Hälfte der Befragten (56 Prozent) davon ausgeht, unter den aktuellen Bedingungen nicht ohne Einschränkungen bis zum gesetzlichen Rentenalter arbeiten zu können.

Dies betrifft in besonders hohem Ausmaß

  • Fachkräfte in den Kitas (86 Prozent)
  • Pflegekräfte in Krankenhäusern und Kliniken (83 Prozent)
  • Beschäftigte mit medizinisch-therapeutischen Tätigkeiten in Krankenhäusern und Kliniken (68 Prozent)
  • Fahrdienstbeschäftigte in Nahverkehrsunternehmen (68 Prozent)

Übrigens sagen das nicht nur die lebenserfahrenen Kolleg*innen, sondern auch erschreckende 59 Prozent junge Menschen im Alter bis zu 34 Jahren.

Verbesserung der Arbeitsbedingungen, Entlastung und Prävention müssen dringend angegangen werden, damit unsere Kolleg*innen gesund bleiben!

Ein Teil der Beschäftigten arbeitet allein aufgrund der (zu) hohen Belastungen nur in Teilzeit.

Die angespannte Arbeitsmarktlage und der in vielen Bereichen deutlich spürbare Personalmangel verschärfen strukturelle Engpässe und führen zu noch mehr Belastung: Die Kolleg*innen versuchen, mit hohem Verantwortungsbewusstsein (und Pflichtgefühl) auszugleichen, wenn jemand fehlt – Ein Teufelskreis!

Offene Stellen im Arbeitsbereich

62,5 Prozent der Befragten berichten, dass es in ihrem unmittelbaren Arbeitsbereich unbesetzte Stellen gibt, davon knapp 64 Prozent in größerem Umfang. Knapp 40 Prozent bestätigt, dass die Zahl der Beschäftigten in ihrem Betrieb/Dienststelle in den letzten 12 Monaten abgenommen hat.

Gründe für die unbesetzten Stellen sind vor allem Arbeitsverdichtung und Arbeitskräftemangel. Nicht nur in den bekannten Bereichen wie IT, Kita, Pflege oder Fahrdienst sondern auch in der Verwaltung bei Bund/Ländern/Kommunen, im gewerblichen Bereich oder auch bei den Sparkassen, bei den medizinisch-Therapeutischen Berufen

Belastungen aus offenen Stellen und Arbeitsverdichtung

Diese Situation erhöht den Druck für die verbliebenen Beschäftigten, 57,5 Prozent sagen aus, dass dies für sie persönlich zu hohen bis sehr hohen Beanspruchungen führt. Um die Arbeit trotzdem doch noch zu schaffen (69,5 Prozent), arbeiten die Beschäftigten im Schnitt 2 Stunden länger pro Woche.

Da wundert es nicht, dass die Mehrheit der Beschäftigten Freund*innen oder Bekannten ihren derzeitigen Betrieb/ihre derzeitige Dienststelle nicht weiterempfehlen würde. Ein Teil der Beschäftigten würde – sofern sich die Möglichkeit ergäbe – ihren Arbeitgeber wechseln. Die häufigsten Gründe dafür sind eine defizitäre Betriebskultur (mangelnde Wertschätzung) und die (zu) hohe Arbeitsbelastung

Wie lassen sich die Probleme lösen?

Natürlich haben wir auch gefragt, wie Lösungen aussehen können – Eure Vorschläge sind vielfältig und differenziert, zeigen aber auch übergreifende Bedarfe. So wünschen sich beispielsweise Beschäftigte in Schichtarbeit höhere Zuschläge für Schichtarbeit oder auch die bezahlte Pause bei Wechselschicht, die wir heute für die Beschäftigten in den Krankenhäusern nicht haben. Unter den Top 10 der Wünsche finden sich aber auch Altersteilzeitregelungen, das Wahlmodell Zeit gegen Geld ebenso wie der generelle Wunsch nach Arbeitszeitverkürzung.

Wie geht es jetzt weiter?

Die vielfältigen Erkenntnisse unserer großen Arbeitszeitbefragung werden jetzt weiter ausgewertet und bezogen auf einzelne Berufsgruppen in den Blick genommen. Im Juni starten wir unsere Forderungsdiskussion für die Beschäftigten von Bund und Kommunen, bei der mehr Geld und Entlastung sowie Arbeitszeit eine maßgebliche Rolle spielen werden. Du kannst Dich daran beteiligen und uns sagen, wofür Du bereit bist, Dich einzusetzen. Am 9. Oktober stellt unsere Bundestarifkommission für den öffentlichen Dienst die Forderung für die Tarifauseinandersetzung mit Bund und Kommunen auf, die Verhandlungen starten dann im Januar 2025. Die Tarifrunde für die Beschäftigten der Länder folgt dann im Anschluss.

Die wichtigsten Erkenntnisse in Grafiken dargestellt:

 
Grafik: Warum in Teilzeit beschäftigt
© ver.di
Grafik: Wunsch nach längerer Arbeitszeit
© ver.di
Grafik: Gesundheitliche Auswirkungen der Überlastung
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Grafik: Gelingen des Arbeitszeitausgleichs
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Grafik: Einschränkungen bis zur Rente
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Grafik: Auswirkung offener Stellen
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Grafik: Top 10 nach Branchen
© ver.di
Grafik: Verzicht auf Pausen
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Grafik: Gründe für Arbeitsplatzwechsel
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Grafik: Gründe für Mehrarbeit
© ver.di